Eine Frau schreibt auf eine Tafel
Dr. Martin Jungmann

Oberbürgermeister Gunter Czisch betonte in seiner Eröffnungsrede wie auch im persönlichen Gespräch:

„Migration ist ein Teil der DNA unserer Stadtgesellschaft. Ulm grenzt nicht aus, Ulm nimmt auf.“

Gunter Czisch

Somit zeigte er sich bereits zuversichtlich hinsichtlich einer funktionierenden Gemeinschaft. Anschließend schufen Referentinnen und Referenten durch Impulsvorträge eine gemeinsame Diskussions- und Wissensgrundlage für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie die Organisatorin und Koordinatorin der Veranstaltung Idalia Dias Heller ausführte: „Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverwaltung haben uns darüber informiert, wo wir aktuell stehen. Es ging um die Kernfelder Bildung, Arbeit, Wohnen und Zusammenleben.“

Hörerinnen und Hörer der Impulsvorträge Hörerinnen und Hörer der Impulsvorträge beim „Kommunalen Flüchtlingsdialog Ulm“

Komplettiert wurde der Veranstaltungsvormittag mit einer ersten Debatte im Plenum über das Gehörte und über offene Fragen. Nachmittags konkretisierte sich die reflektierte Diskussion in kleineren Workshop-Gruppen. Dort verorteten und benannten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Herausforderungen, erarbeiteten Maßnahmen, entwickelten Ideen für ein funktionierendes Zusammenleben und vernetzten sich zusätzlich.

So wurde der Wunsch der neu Angekommenen nach einem selbstbestimmten Leben wahrnehmbar, welches unter anderem einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz sowie eine eigene Wohnung umfasst. Problem dabei sei allerdings oft die lange Dauer von Anerkennungsverfahren. Weiterhin wurde die politische Bildung als unabkömmlich eingestuft, um alle vertraut zu machen mit den Grundgesetzen und demnach mit ihren Rechten, Pflichten und Freiheiten . Generell kristallisierte sich eine enorme Bereitschaft aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer heraus, die Initiative zu ergreifen und aktiv zu werden. Einig waren sie sich, dass die Bereitstellung von Informationen und gegenseitige Akzeptanz Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes Miteinander seien.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Workshops beim „Kommunalen Flüchtlingsdialog Ulm“ Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Workshops beim „Kommunalen Flüchtlingsdialog Ulm“

Das Sich-Austauschen beim „Kommunalen Flüchtlingsdialog Ulm“ nahm Aiman Al Msitef bereits als gleichgestellt wahr, wie aus seiner Einschätzung der Veranstaltung deutlich wird:

„Ich finde es sehr gut, dass wir hier über alle Fragen offen und auf Augenhöhe sprechen und diskutieren können.“

Aiman Al Msitef

Er selbst flüchtete vor einem Jahr aus Hama in Syrien über die Balkanroute zuerst nach München. Anschließend kam er über Hannover nach Ulm, wo er nun lebt und gerne dauerhaft bleiben möchte. In Ulm hat er gemeinsam mit weiteren Menschen die Deutsch-Syrische Gesellschaft gegründet. Dieser Verein hat zum Ziel, Personen mit Fluchterfahrung zu helfen, sich in Ulm zurechtzufinden und die ersten Schritte zu gehen.


Hilde Mattheis, Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Ulm/Alb Donau, wertete das Veranstaltungsformat der „Kommunalen Flüchtlingsdialoge Ulm“ als „guten Ansatz, Probleme zu lösen und direkt über die Bedürfnisse […] zu sprechen.“ Dementsprechend betrachtet sie das Austauschformat als äußerst gewinnbringend für die Kreise und Kommunen, weswegen es flächendeckend verbreitet werden sollte. Weiterführend sprach sich Elis Schmeer, Leiterin der Koordinierungsstelle „Internationale Stadt“ bei der Stadtverwaltung Ulm, dafür aus, „diese Idee [, miteinander in Dialog zu treten, Einf. d. Red.] noch weiter auf die lokale Ebene zu bringen, in die einzelnen Nachbarschaften zu tragen […], [um] möglichst viele Menschen zu erreichen.“


Fest steht, die „Kommunalen Flüchtlingsdialoge Ulm“ werden fortgeführt. Denn Frau Dias Heller schließt:

„Im Herbst 2017 wollen wir alle, die sich beteiligt haben, einladen. Dann geht es um Reflexion: Was haben wir geschafft? Was sind die nächsten Schritte?“

Idalia Dias Heller

Aiman Al Msitef, Geflüchteter aus Syrien © Dr. Martin Jungmann

Herr Al Msitef, wie sind Sie nach Ulm gekommen?

Ich komme aus Hama in Syrien. Vor einem Jahr bin ich über die Balkanroute gekommen. Angekommen in Deutschland bin ich in München. Über Hannover kam ich schließlich nach Ulm.

Wie bewerten Sie die heutige Veranstaltung?

Ich finde es sehr gut, dass wir hier über alle Fragen offen und auf Augenhöhe sprechen und diskutieren können.

Engagieren Sie sich in der täglichen Flüchtlingsarbeit?

Ja, ich habe gerade mit einigen Landsleuten und Einheimischen einen Verein gegründet: die Deutsch-Syrische Gesellschaft.

Was wollen Sie mit diesem Verein erreichen?

Wir möchten vor allem anderen Flüchtlingen helfen, sich hier zurechtzufinden und die ersten Schritte zu gehen. Wir begleiten sie zu Behörden oder zu Ärzten, erklären ihnen amtliche Schreiben und wollen auch bei der Wohnungssuche helfen. Darüber hinaus haben wir den Verein gegründet, um Werte wie Freiheit und Demokratie aktiv zu leben. Und natürlich geht es auch um Freude und Kultur.

Wie sehen ihre mittelfristigen Pläne aus?

Wir würden gerne in Ulm bleiben. Ich möchte Ulmer werden.

Idalia Dias Heller, Organisatorin und Koordinatorin des „Kommunalen Flüchtlingsdialogs Ulm“ © Dr. Martin Jungmann

Frau Dias Heller, können Sie uns kurz beschreiben, was der heutige „Kommunale Flüchtlingsdialog“ leisten soll?

Im Grunde sind es zwei Ziele, die auch im Tagesablauf gut zu sehen sind. Am Vormittag haben wir im Plenum getagt und eine Bestandsaufnahme vorgenommen: Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverwaltung haben uns darüber informiert, wo wir aktuell stehen. Es ging um die Kernfelder Bildung, Arbeit, Wohnen und Zusammenleben. Am Nachmittag werden wir dann in Arbeitsgruppen zu diesen Themenfeldern Perspektiven entwickeln und in die Zukunft schauen.

Und sind Sie zur Halbzeit zufrieden mit der Veranstaltung, in deren Vorbereitung Sie viel Energie und Ideen investiert haben?

Ich freue mich, dass viele Migrantinnen und Migranten gekommen sind. Hier spiegelt sich das Bild unserer Stadt wider. Wir gestalten die Internationale Stadt Ulm der Zukunft, gemeinsam mit den neu hinzugekommenen Menschen.

Ein erfolgreicher Dialog ist immer ein Prozess. Wie geht es weiter?

Im Herbst 2017 wollen wir alle, die sich beteiligt haben, einladen. Dann geht es um Reflexion: Was haben wir geschafft? Was sind die nächsten Schritte. Zudem gehen wir in der Dokumentation des Tages neue Wege. Lange Texte sind nur bedingt geeignet, Verlauf und Ergebnisse des Tages weiterzureichen und zu verbreiten. Deswegen hält ein sogenannter „Graphic Recorder“ den „Kommunalen Flüchtlingsdialog Ulm“ für ein breites Publikum zeichnerisch fest. Ich freue mich schon sehr auf die Ergebnisse.

Gunter Czisch, Oberbürgermeister der Stadt Ulm © Gunter Czisch

Herr Oberbürgermeister Czisch, Sie sagten in Ihrer Begrüßung, die Integration von Migrantinnen und Migranten funktioniere in Ihrer Stadt besser als andernorts. Was sind die Ulmer Besonderheiten?

Migration hat einen festen Platz in der Geschichte unserer Stadt. Ulm war im Grunde schon immer Ausgangsort und Ziel von Migrationsbewegungen. Ich erinnere nur an die Armutsmigration auf den so genannten „Ulmer Schachteln“ (Bootstyp im Mittelalter, Anm. d. Red.) die Donau herab. Andererseits war die freie Reichsstadt und später der Industriestandort und die Wissensstadt Ulm lange Zeit das Ziel von Einwanderern. Man kann sagen: Migration ist ein Teil der DNA unserer Stadtgesellschaft. Ulm grenzt nicht aus, Ulm nimmt auf.

Und die Stadtgesellschaft unterscheidet sich von denen anderer Kommunen in Baden-Württemberg, in Deutschland?

In gewisser Weise schon. Sehen Sie, unsere Verfassung, der Große Schwörbrief, stammt aus dem Jahr 1397. Am Schwörmontag (Ulmer Stadtfeiertag, Anm. d. Red.) muss ich vor den Menschen meiner Stadt Rechenschaft ablegen und ankündigen, welche Vorhaben in den kommenden zwölf Monaten angepackt werden. Ich diene einer seit über 600 Jahren bestehenden, selbstbewussten Stadtgemeinde. Ein weit sichtbares Symbol ist unser stolzes Münster (Wahrzeichen der Stadt mit dem höchsten Kirchturm der Welt. Anm. d. Red.). Es ist seit Baubeginn im Jahre 1377 eine Bürgerkirche.

Und diese Geschichte wirkt bis in die Gegenwart fort?

In der Tat. Die Bürgerinnen und Bürger Ulms sind es gewohnt, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen und Herausforderungen gemeinsam anzugehen.

Und an Herausforderungen hat es in den letzten Monaten nicht gemangelt?

Wirklich nicht. Im Herbst 2015, als die große Welle kam, da war uns klar: Wir können in Ulm nicht die Weltpolitik beeinflussen. Aber wir können die Leute anständig behandeln und jedem erst einmal ein Dach über dem Kopf geben. Schon das war eine große Aufgabe.

Wie begegnet die Stadtverwaltung, der Sie vorstehen, den neuen Aufgaben?

Wir haben gewissermaßen eine kleine Verwaltung innerhalb der Stadtverwaltung geschaffen, um die vielfältigen Aufgaben strukturiert anzugehen. Dazu haben wir personell deutlich aufgestockt. Viele Mitarbeiter haben sich aber auch aus anderen Fachbereichen in die neuen Strukturen beworben, weil sie hochmotiviert sind, diese sinnvolle Arbeit zu leisten. Aber die Verwaltung kann nur den Rahmen bieten; die Wohlfahrtseinrichtungen, die Organisationen und die Bürgerinnen und Bürger, die bilden den Klebstoff, der alles zusammenhält.

Sie sehen also gute Perspektiven für die Integration der Menschen, die in Ihre Stadt gekommen sind.

Sehen Sie, Schwaben nehmen nicht jeden spontan in den Arm. Wer zu uns kommt, ob aus Hamburg, Aleppo oder Mainz, braucht eine Weile um anzukommen. Aber wenn er oder sie dann dabei ist, dann ist das auch ganz und für immer. Man kann bei uns Ulmer werden.

Hilde Mattheis, Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Ulm/Alb Donau © Hilde Mattheis

Frau Mattheis, Sie befassen sich im Bundestag mit dem Thema Flucht und Migration aus gesamtstaatlicher Perspektive. Heute wird dieser Fragenkomplex auf regionaler Ebene besprochen? Wie nehmen Sie diese unterschiedlichen Ebenen wahr?

Die Kommunen sind die politische Ebene, die in diesem Zusammenhang eindeutig den besten Job macht. Die Städte und Gemeinden mit ihren ehrenamtlichen Bürgerinnen und  Bürgern haben dafür gesorgt, dass die Situation zu keinem Zeitpunkt eskalierte und die Arbeit gemacht wurde.

Und die Arbeit auf Bundesebene?

Auf Bundesebene gab es viele Versäumnisse und Fehler, sei es bei der Task Force im Innenministerium, sei es bei der gesundheitlichen Versorgung bei der Erstaufnahme, sei es in Hinblick auf das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Was nehmen Sie aus Ihrem Wahlkreis mit nach Berlin?

Ich lerne hier die unterschiedlichsten Problemlagen kennen. Ein konkretes Beispiel: Eine Person wurde aufgrund ihrer Homosexualität in der Gemeinschaftsunterkunft bedrängt. In Neu-Ulm, also auf der anderen Seite der Donau, hätte es einen Platz in einer Wohngemeinschaft gegeben, doch leider liegt Neu-Ulm in einem anderen Bundesland. Das zeigt mir deutlich, dass die Wohnsitzauflage nicht hilfreich ist.

Wie bewerten Sie das Veranstaltungsformat der „Kommunalen Flüchtlingsdialoge“ in Baden-Württemberg?

Ich halte diese für eine guten Ansatz, Probleme zu lösen und direkt über die Bedürfnisse der Menschen zu sprechen.

Was können Kommunen noch tun?

Auf jeden Fall muss Personal bereitgestellt werden. Man muss bereit sein, zu investieren. Baden-Württemberg ist ein starkes Land. Da geht das. Um schwächeren Bundesländern wie beispielsweise Berlin oder Bremen zu helfen, hätten wir auf der Bundesebene Steuermittel bereitstellen müssen.

Wären Flüchtlingsdialoge auf Bundesebene sinnvoll?

Ich denke, diese Dialogformen eignen sich nur für Kreise und Kommunen. Dorthin sollten wir allerdings flächendeckend die Idee der lokalen „Flüchtlingsdialoge“ verbreiten.

Elis Schmeer, Leiterin der Koordinierungsstelle „Internationale Stadt“ bei der Stadtverwaltung Ulm © Dr. Martin Jungmann

Frau Schmeer, was bedeutet der Begriff „Internationale Stadt“?

2012 hat der Gemeinderat das Konzept „Ulm Internationale Stadt“ beschlossen. Im Jahr darauf wurde die Koordinierungsstelle geschaffen. Der „Internationale Ausschuss“, Ulmerinnen und Ulmer mit internationalem Hintergrund, ist ein Gremium, das dem Gemeinderat beratend zur Seite steht.

Wie international ist Ulm?

Ulm war schon immer ein Ort der Migration, früher durch seine Lage an der Donau, später dann als Standort von Gewerbe und Industrie. 40 Prozent der Ulmer haben internationale Wurzeln. Hier leben Menschen aus über 130 Nationen und Ethnien. Bei uns geht es nicht darum, Minderheiten in eine Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, sondern Andersartigkeit ernsthaft anzuerkennen. Wir können hier Internationalität als Normalität leben, als Bereicherung erfahren.

Wie erleben Sie den heutigen „Kommunalen Flüchtlingsdialog?

Es ist sicherlich ein guter Ansatz, aber ich plädiere dafür, diese Idee noch weiter auf die lokale Ebene zu bringen, in die einzelnen Nachbarschaften zu tragen. Und ich fände es gut, wenn wir die kommunalen Gebäude verlassen könnten und beispielsweise auf den Wochenmarkt gehen. Ziel muss es doch sein, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Sandra Lê, Mitglied des „Internationalen Ausschusses“ der Stadt Ulm © Dr. Martin Jungmann

Frau Lê, warum engagieren Sie sich ehrenamtlich im „Internationalen Ausschuss“ der Stadt Ulm?

Ich beteilige mich, weil es mir gut geht, ich mich hier gut angekommen fühle und ich gerne etwas zurück- und weitergeben möchte.

Wie kamen Sie nach Ulm?

Ich komme aus dem französischsprachigen Teil Kanadas. Mein Vater stammt aus Vietnam. In Deutschland bin ich seit 2001. Damals über einen Austausch meiner Hochschule mit der Technischen Universität Hamburg. Nach verschiedenen beruflichen Stationen in der Industrie bin ich jetzt in Ulm.

Mit welchen Erwartungen sind Sie zum „Kommunalen Flüchtlingsdialog“ gekommen?

Ich interessiere mich für Informationen zur aktuellen Lage und Erfahrungen aus erster Hand. Und natürlich für den Austausch mit anderen Menschen.

Und sind Sie mit der Veranstaltung zufrieden?

Ja, hier sind die richtigen Leute zusammengekommen. Wir sprechen über die richtigen Themen. Das ist alles kein Blabla. Hier geht es voran. Damit müssen wir jetzt rausgehen und weiterarbeiten.

Also eine vorbildliche Veranstaltung für andere Städte und Gemeinden?

Unbedingt. Ich hoffe, dass alle Kommunen so etwas machen. Ein „Kommunaler Flüchtlingsdialog“ ist kein „Kann“, sondern ein „Muss“.